Ein Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 5.6.2018

Brand­ge­fähr­li­che Spin­ner

Rau­pen set­zen Ei­chen zu – und den Men­schen auch Das Sprich­wort „Was juckt es die stol­ze Ei­che, wenn sich die Sau/der Eber/ ein Bors­ten­vieh an ihr reibt?“ gibt es in meh­re­ren Va­ri­an­ten.

Der Ei­chen­pro­zes­si­ons­spin­ner, kurz EPS, kommt in kei­ner da­von vor. Das kann auch dar­an lie­gen, dass die ge­frä­ßi­gen EPS-Rau­pen, die sich spä­ter in ei­nen un­schein­ba­ren und ganz harm­lo­sen Nacht­fal­ter ver­wan­deln, dem Lieb­lings­baum der Deut­schen sehr wohl et­was an­ha­ben kön­nen. In Nie­der­sach­sen setzt der Schäd­ling den Ei­chen ge­ra­de be­son­ders schwer zu. Meh­re­re Ge­mein­den be­rich­ten von ei­nem mas­sen­haf­ten Auf­tre­ten der bis zu fünf Zen­ti­me­ter lan­gen EPS-Rau­pen, die sich tags­über in ei­ne Art Ge­spinst zu­rück­zie­hen. Nacht für Nacht krie­chen die Tie­re dann aus ih­rem Nest her­aus, wan­dern in me­ter­lan­gen Pro­zes­sio­nen den Stamm hin­auf und fres­sen so lan­ge, bis der Baum kahl ist. Le­dig­lich die Rip­pen der Blät­ter las­sen sie üb­rig. Min­des­tens ge­nau­so ge­fähr­lich wie für Ei­chen sind die Rau­pen auch für vie­le Men­schen. Ab dem drit­ten Lar­ven­sta­di­um – ins­ge­samt durch­lau­fen die In­sek­ten fünf bis sechs – wach­sen den Rau­pen näm­lich fei­ne Brenn­haa­re mit Wi­der­ha­ken, die zu­dem ein Nes­sel­gift, das Thau­me­to­po­ein, ent­hal­ten. Wer da­mit in Kon­takt kommt, muss mit ei­nem ju­cken­den Haut­aus­schlag, trä­nen­den Au­gen und so­gar Fie­ber und Schwin­del rech­nen. Wenn die fei­nen Här­chen ein­ge­at­met wer­den, kön­nen sie Atem­be­schwer­den, Bron­chi­tis und Asth­ma ver­ur­sa­chen. Im schlimms­ten Fall lö­sen sie ei­nen le­bens­be­droh­li­chen all­er­gi­schen Schock aus, bei dem der Kreis­lauf zu­sam­men­bricht und meh­re­re Or­ga­ne ver­sa­gen. Ein spe­zi­el­les Me­di­ka­ment ge­gen die­se all­er­gi­sche Re­ak­ti­on gibt es nicht. Le­dig­lich die Sym­pto­me kön­nen mit An­ti­hist­ami­ni­ka und Kor­ti­son ge­lin­dert wer­den.

"Wir be­ob­ach­ten schon seit Län­ge­rem im­mer wie­der star­ke Ver­meh­run­gen von EPS in ver­schie­de­nen Tei­len Deutsch­lands“, sagt Ger­lin­de Nach­ti­gall vom Ju­li­us-Kühn-In­sti­tut in Braun­schweig. „Frü­her trat der Schäd­ling vor al­lem in den süd­li­chen Bun­des­län­dern auf, seit 2012 ist aber im gan­zen Bun­des­ge­biet mit EPS zu rech­nen.“ Ein Grund für die Aus­brei­tung nach Nor­den ist wahr­schein­lich der Kli­ma­wan­del und der da­mit ein­her­ge­hen­de Tem­pe­ra­tur­an­stieg. EPS kann sich näm­lich am bes­ten ver­meh­ren, wenn der Win­ter mild und das Früh­jahr tro­cken und warm ist.

Zum jet­zi­gen Zeit­punkt noch ge­gen die Rau­pen vor­zu­ge­hen, sei ex­trem schwie­rig, sagt Nach­ti­gall. Auch auf­grund der ho­hen Tem­pe­ra­tu­ren im Mai ha­ben die meis­ten Tie­re das ge­fähr­li­che drit­te Sta­di­um näm­lich be­reits er­reicht. Al­le zu­ge­las­se­nen In­sek­ti­zi­de wir­ken aber nur ge­gen jün­ge­re Rau­pen im ers­ten oder zwei­ten Sta­di­um. „Das Ein­zi­ge, das man jetzt noch tun kann, ist, die Nes­ter von den Bäu­men ab­zu­sau­gen“, sagt Nach­ti­gall. Die Pro­ze­dur ist al­ler­dings ex­trem auf­wen­dig und nicht un­ge­fähr­lich; um sich vor dem Rau­pen­gift zu wapp­nen, müs­sen die Ar­bei­ter Schutz­an­zü­ge tra­gen. Man­che Ge­mein­den ver­su­chen, die Ge­spins­te ein­fach ab­zu­fa­ckeln, was aber auch kei­ne gu­te Lö­sung ist. Die gif­ti­gen Rau­pen­haa­re wer­den da­durch näm­lich erst recht in der Um­ge­bung ver­teilt. Sie sind ex­trem lang­le­big und kön­nen noch jah­re­lang ei­ne all­er­gi­sche Re­ak­ti­on aus­lö­sen.

Ti­na Bai­er (SZ)